10.06.2012 Gut gemeinte Vorschläge von Gießener Verkehrsexperten?

Reinhard Bayer und Malte Eiff präsentieren vermeintliche Alternativen

Zwei Verkehrsexperten (Reinhard Bayer, ehemaliger städtischer Verkehrsplaner, Mitglied der GRÜNEN und "Vater" des Haltepunkts Oswaldsgarten sowie Malte Eiff, Student und Mitglied der grünen Fraktion in Lollar, bei Leserbriefen als Pendler firmierend) haben Vorschläge gemacht, um den Wunsch der Region Marburg-Biedenkopf nach einer stündlichen Regionalexpressverbindung zu erfüllen, ohne die Bedienung der Unterwegsbahnhöfe zu reduzieren.

Die Vorschläge der beiden Verkehrsexperten in der Artikel GA Kleine Stationen und als Leserbrief vom 1. Juni 2012 erweisen sich bei näherer Betrachtung jedoch als nicht umsetzbar:

Der "beste" Vorschlag - nämlich die Bestellung eines zusätzlichen Zuges durch die Stadt Marburg - ist wohlfeil, denn sowohl Herr Bayer als auch Herr Eiff merken an, dass die Hälfte der Kosten "freilich" durch die Kommune zu tragen sei bzw. „Marburg bestellt, Marburg bezahlt“ (Malte Eiff). Leider verlieren sie kein Wort über die tatsächlichen Kosten - obwohl sie diese sehr wohl abschätzen können. Da es nicht nur um einen Zug, sondern um fünf Zugpaare geht, belaufen sich die Kosten auf etwa 600.000 bis 800.000 Euro/Jahr. Mit "Kommune" meint Herr Bayer vermutlich nur die Stadt Marburg - auch wenn es um eine Verbindung zwischen beiden Städten geht. Stadt und Landkreis Gießen scheint er nicht in der Pflicht zu sehen, sich an der Finanzierung eines Zusatzangebots zu beteiligen. Denn wer in Gießen wohnt, will nach Bayers Auffassung scheinbar nie nach Marburg. Herr Eiff jedenfalls fährt (wie viele der ca. 350 in Gießen wohnenden Marburger Studierenden) mit der Bahn nach Marburg.

Der Vorschlag von Herrn Bayer, den Intercity wieder leichter für Pendler nutzbar zu machen, scheitert an den hohen Kosten, die dem RMV dadurch entstehen würden. Der Intercity wird vom Geschäftsbereich Fernverkehr der Deutschen Bahn betrieben, arbeitet eigenwirtschaftlich und muss alle Erlöse aus Fahrgeldeinnahmen erzielen. Schon jetzt entgehen dem RMV erhebliche Fahrgeldeinnahmen, weil beim Lösen einer Intercity-Zuschlagskarte für eine Zeitkarte nicht nur der komplette IC-Zuschlag, sondern auch ein großer Teil der Einnahmen für die Zeitkarte an den Fernverkehr abgeführt werden muss. Wünschenswert ist der Vorschlag von Herrn Bayer zweifellos, aber eine nachvollziehbare Finanzierung des Vorschlags bleibt er schuldig.

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Intercity im RMV: Für Fahrgäste und den Verbund gleichermaßen teuer


Weiterhin schlägt Bayer vor, den HLB-Zug Gießen ab 17:09 Uhr zu dreiteilen: Ein Teil fährt nach Siegen, ein Teil als Regionalexpress Richtung Marburg, der dritte Teil anschließend als Regionalbahn mit Halt auf allen Stationen ebenfalls Richtung Marburg. Das Problem: Der Zugteil nach Siegen verkehrt schon heute zweiteilig, weil das Fahrgastaufkommen sehr hoch ist. Entgegen Bayers Angaben bleibt kein Triebwagen im Gießener Bahnhof bei der Zugtrennung um 17 Uhr zurück. Und der Triebwagen, welcher heute nach Marburg fährt, ist bereits der Reservetriebwagen der Hessischen Landesbahn (HLB). Fällt ein Triebwagen im Main-Lahn-Sieg-Netz aus, werden für die Fahrt nach Marburg schon heute als Ersatz Dieseltriebwagen eingesetzt, weil keine weiteren Elektrotriebwagen vorhanden sind. HLB-Prokurist Peter Runge bestätigte dies gegenüber dem Fahrgastverband Pro Bahn & Bus im März.

Bild    Bereits heute verkehren die HLB-Züge zwischen Gießen und Siegen in der Hauptverkehrszeit mit zwei Triebwagen, wie hier in Haiger. Richtung Marburg kann deshalb nur ein Zugteil verkehren, weil keine weiteren Triebwagen vorhanden sind


Besonders forsch ist die Behauptung von Herrn Bayer, die Zählung unserer Fahrplaninitiative hätte ergeben, dass entgegen unseren Angaben rund 30% der Fahrgäste an den kleinen Stationen ein- und aussteigen, in Gießen Oswaldsgarten und Marburg Süd sogar 40% die Haltepunkte nutzen. Folgt man Bayers Berechnungen, dann müssten die restlichen 40% In Marburg und Gießen ein- und ausgestiegen sein. Dagegen spricht das Ergebnis unserer Zählung (siehe Grafik) sowie die für jeden nachvollziehbare Beobachtung, dass in den Bahnhöfen Gießen und Marburg wesentlich mehr Fahrgäste in die HLB-Züge ein- und aussteigen als in Gießen Oswaldsgarten und Marburg Süd. Eine plausible Berechnung seiner Zahlen konnte Herr Bayer bis jetzt nicht vorlegen. Unsere Berechnungen finden Sie hier näher erläutert.

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Tatsächliche Verteilung der Ein-/Aussteigerzahlen in den HLB-Zügen, ermittelt am 29. Februar 2012


Alle Vorschläge von Bayer und Eiff kosten Geld, das entweder für die Anschaffung von zusätzlichen Triebwagen, zusätzlichen Zugleistungen oder die Freigabe des Intercity für RMV-Kunden benötigt würde. Geld, welches angesichts der Kürzungen der ÖPNV-Mittel durch das Land Hessen in Höhe von 20 Mio Euro pro Jahr nicht zur Verfügung steht - selbst wenn die Kommunen und Kreise in der Lage wären, ihren Teil an den rund 700.000 Euro beizusteuern. Nach RMV-Planungen sind zum nächsten Fahrplanwechsel Ende des Jahres bereits Kürzungen im Busbereich geplant, im folgenden Jahr dann auch bei der Schiene.

Offenbar sollen die von Bayer und Eiff veröffentlichten Vorschläge glauben machen, es gäbe für die Zwischenhalte neutrale Möglichkeiten, um den berechtigten Wunsch der Stadt Marburg nach Erweiterung des RE-Stundentakts in die Region Marburg-Biedenkopf zu erfüllen, ohne an der Bedienung der Unterwegshalte etwas ändern zu müssen.

Im Gegensatz zu den leider nicht realisierbaren Vorschlägen der beiden Gießener Verkehrsexperten würde der Fahrplanvorschlag unserer Initiative insgesamt mehr Fahrgäste auf die Schiene bringen, weil sich Fahrzeiten verkürzen sowie Anschlüsse verbessern und damit das Angebot für viele attraktiver wird. Unser Vorschlag ist kostenneutral umzusetzen und wird für den RMV zusätzliche Einnahmen generieren. Damit wird der Erhalt und Ausbau des ÖPNV in der Region Mittelhessen insgesamt gestärkt.

Zum Abschluss sei noch klargestellt: Die wiederholte Behauptung, die Fahrplaninitiative "Main-Weser-Bahn im Takt" sei eine Marburger Gründung, ist falsch. Beide Gießener Verkehrsexperten wissen sehr wohl: Die Initiative hat sich Anfang 2010 in der Wetterau gegründet, nachdem Ende 2009 der Stundentakt auf der Main-Weser-Bahn durch die Verlegung des Intercity - auch für Gießen - zunichte gemacht wurde. Die von der Initiative im Mai 2010 gemachten Vorschläge zur Verbesserung des Fahrplans haben für Gießen bereits Ende 2010 Verbesserungen gebracht - leider aber noch nicht in diesem Maß für Marburg.


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Wir haben länger überlegt, ob wir auch auf den Leserbrief von Herrn Eiff in der Gießener Allgemeinen vom 1. Juni eingehen sollen. In dieser Meinungsäußerung unterstellt uns Herr Eiff Unwahrheiten als Argumente zu verwenden, und er spricht uns auch gleich noch jegliche verkehrspolitische und -planerische Kompetenz ab. Da insbesondere auf Herrn Eiffs Initiative der aus unserer Sicht regional zu kurz greifende Beschluss des Gießener Kreistags vom 26. März 2012 zurückgeht, sollen seine - für Außenstehende sachverständig anmutenden Behauptungen - doch kurz auszugsweise kommentiert werden.

Herr Eiff kritisiert unseren Vorschlag, das letzte Zugpaar der Hessischen Landesbahn (Gi ab 21:09 Uhr, Marburg ab 21:44 Uhr) in der jetzigen Fahrplanlage beibehalten zu wollen: „Dass der Zug um 21.09 Uhr ab Gießen dann wieder überall halten soll, und zwar speziell mit dem Argument der sonst entstehenden Taktlücke, ist logisch nicht nachvollziehbar und mutet scheinheilig an, zumal diese HLB überall hält – bis auf Friedelhausen und Niederweimar.“ Das einzige, was hier nicht nachvollziehbar ist, sind Herrn Eiffs Gedankengänge: Würde dieses Zugpaar nicht verkehren, würde eine Angebotslücke von 2 Stunden entstehen. Wir haben immer gesagt, dass ein Stundentakt als Grundangebot immer gewährleistet sein sollte, was mit diesem Zugpaar ermöglicht wird. Warum dieser Zug heute auf der Rückfahrt nicht in Niederweimar und Friedelhausen hält, wissen wir auch nicht; schließlich bestellt unsere Fahrplaninitiative keine Züge. Zur Klärung der Frage sollte sich Herr Eiff an den Besteller dieser Leistungen (RMV) wenden.

Herr Eiff moniert unsere Aussage, dass Marburg die größte Stadt in Hessen ist, welche nicht im Regionalexpress-Stundentakt bedient wird und verweist auf Limburg und Fulda. Eiff: „Fakt ist: Diese Städte haben zwar eine stündliche RE-Anbindung, diese Züge halten aber auch auf jedem Unterwegsbahnhof und sind deutlich länger unterwegs als die schnellen RE von Marburg.“ Was Eiff nicht schreibt oder weiß: Der Regionalexpress Fulda – Frankfurt legt nicht nur eine längere Strecke zurück und benötigt dafür mehr Zeit, er bedient auch zahlreiche Stationen wie Neuhof, Flieden, Schlüchtern, Bad Soden-Salmünster und Wächtersbach, wo ein Regionalexpress wegen des Fahrgastaufkommens halten muss und auch kein anderer Zug hält. Einen Zug wie den Mittelhessenexpress gibt es dort nicht. Der kleine Bahnhof Künzell bei Fulda wurde schon vor Jahren geschlossen, weil der Halt von Personenzügen in diesem verkehrlich hochbelasteten Abschnitt den Betrieb zu stark aufhalten würde. Ab Wächtersbach hält der Regionalexpress nur noch an den großen Stationen. Von dort Richtung Frankfurt bedient ein parallel fahrender Stadtexpress die kleinen Halte mit. Und in Fulda werden alle wichtigen Anschlüsse Richtung Bebra und Rhönbahn erreicht, was so in Marburg heute nicht der Fall ist. Entgegen der Aussage von Herrn Eiff halten auch auf der Strecke Limburg-Frankfurt die RE-Züge längst nicht überall, sondern fahren in den kleineren Stationen durch. Durch die bergige Taunuslandschaft und die dadurch bedingten engen Kurven können die Züge allerdings nicht so schnell fahren wie auf der Main-Weser-Bahn.