 |
 | |
Nidda, 17. November 1999
Anhaltende technische Probleme mit den Niederflur-Gelenktriebwagen "GTW 2/6" der Hessischen Landesbahn GmbH
- Offener Brief -
An
ADtranz - DaimlerChrysler Rail Systems GmbH
Herrn Geschäftsführer Rolf Eckrodt
Am Rathenaupark
16761 Hennigsdorf
Sehr geehrter Herr Eckrodt,
seit Fahrplanwechsel im Mai 1999 setzt die Hessische Landesbahn GmbH (HLB) auf Strecken u.a. im Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) ihre neuen Niederflur- Gelenktriebwagen GTW 2/6 ein, die von Ihnen in einem Konsortium produziert und vertrieben werden.
Eine der von der HLB mit GTW 2/6 bedienten Linien ist die Kursbuchstrecke 632 von Friedberg (Hessen) über Beienheim nach Hungen und Nidda. Seit Einsatzbeginn Ende Mai 1999 gibt es auf dieser Strecke mit den GTW fortwährenden Ärger in Form von technisch bedingten Ausfällen, Funktionsstörungen, Fehlfunktionen und Pannen,die die Zuverlässigkeit und Qualität des Zugverkehrs mittlerweile über die Grenzen des Akzeptablen beeinträchtigen.
Triebwagen fallen aus und/oder bleiben wegen Überhitzung des Antriebsmoduls oder Kühlungsschadens stehen. Klimaanlagen funktionieren teilweise nicht und/oder verursachen eine unerträgliche Lärmbelästigung in den Fahrgastmodulen. Automatische (Vor)Heizanlagen funktionieren nicht, Lokführer müssen ihre Dienstabteile mittels mitgebrachter Heizlüfter beheizen. Federungen der Fahrgastmodule führen zu unangenehmen Quietsch- und Schlurfgeräuschen in den Innenräumen. Dies alles sind lediglich die äußerlich erkennbaren Mängel. Von weiteren technischen und konzeptionellen Mängeln, wie zunächst zu schwach ausgelegten Federungen der Fahrgastmodule, unterdimensionierten Lüftern, zu nahe an den Lüftungsschächten angeordneten Bordrechnern, Kabeln, die sich durchscheuern oder Fahrzeugdächern, durch die es regnet, soll hier gar nicht weiter die Rede sein.
Für uns, die davon betroffenen Fahrgäste, führen diese Sachverhalte zu nachhaltiger finanzieller oder geldwerter Schädigung, die wir nicht länger bereit sind, widerspruchslos hinzunehmen. Von einem zuverlässigen Bahnbetrieb, wie wir ihn als Kunden für unser Geld erwarten können, dürfen und müssen, kann seit Fahrplanwechsel nur noch bedingt gesprochen werden.
So kam es in den ersten Betriebswochen und -monaten nach Fahrplanwechsel zu Zugausfällen, zu Anschlussverlusten in den Knotenbahnhöfen und zu Verspätungen von im Einzelfall bis zu sechzig Minuten bzw. bis zu mehreren hundert Minuten am Tag. Die von diesen Ausfallerscheinungen betroffenen Fahrgäste mussten auf (langsamere und deutlich weniger komfortable) Ersatzbusse umsteigen, bzw. ihre privaten Pkws benutzen, kamen zu spät zur Arbeit, zur Schule/Hochschule oder zu ihrem wohlverdienten Feierabend.
Es ist uns als Nahverkehrskunden unbegreiflich, wie ein werksneues Produkt mit solch haarsträubenden Mängeln und offensichtlich ohne ausreichende Tests ausgeliefert werden kann. Vor allem angesichts der Tatsache, dass sich die Auslieferung um ein ganzes Jahr verzögerte. Dies wiegt um so schwerer vor dem Hintergrund, dass der von der Schweizer Stadler AG entwickelte GTW 2/6 in diesel-elektrischer Ausführung von der Mittelthurgaubahn seit Jahren ohne nennenswerte Probleme auf der Strecke Radolfzell - Stockach eingesetzt wird.
Wir fragen Sie: Wie ist es möglich, dass ein erfolgreich und zuverlässig am Markt eingeführtes und seit drei Jahren im Betrieb bewährtes Bahnfahrzeug durch u.a. Ihr Unternehmen technisch derart verändert (um nicht zu sagen "verunstaltet") wird, dass es nicht mehr zuverlässig funktioniert?
Nachdem die anfänglichen Probleme noch als "Kinderkrankheiten" entschuldbar waren und es zwischenzeitlich schien, dass die Schwierigkeiten überwunden sind, gab es am 11.11.1999 (leider kein Fastnachtsscherz, sondern traurige Realität) erneut eine Ausfallserie in Form dreier Totalausfälle von RegionalBahnen wegen technischer Defekte an den Fahrzeugen. In den Sommermonaten blieben die GTW aufgrund der hohen Außentemperaturen stehen. Jetzt ist es Herbst und die Triebwagen fallen erneut aus. Was wird noch alles passieren, wenn die kalte Jahreszeit erst richtig einsetzt, mit Temperaturen unter Null Grad, Eis und Schnee?
Es steht für uns außer Zweifel, dass Sie als Fahrzeughersteller für die Schäden, die den Fahrgästen, dem (bis dato ausgezeichneten) Ruf der Hessischen Landesbahn und der Attraktivität des schienengebundenen Nahverkehrs in unserer Region ursächlich durch die anhaltenden Ausfallerscheinungen Ihres GTW 2/6 entstanden sind und noch entstehen, die Verantwortung tragen. Als Hersteller haben Sie Gewährleistung dafür zu tragen, dass Ihre Werke nur Produkte verlassen, die technisch einwandfrei sind und zuverlässig funktionieren. Sie haben vor allem dafür zu sorgen und zu haften, dass bestehende Probleme endgültig abgestellt werden. Anfangsschwierigkeiten sind jedem Unternehmen zuzugestehen.
Wir sehen es aber nicht länger ein, durch Ihre mangelhaften Triebwagen um unser teuer bezahltes Geld, um unsere private Freizeit und vor allem um unsere Arbeits- und Schulzeiten betrogen zu werden. In finanzieller Hinsicht gilt dies gleich in zweifacher Hinsicht: Einmal für unser (im voraus) bezahltes Geld für die Fahrscheine, zum anderen für uns als hessische Steuerzahler, die den Kauf der GTW 2/6 durch das Land Hessen und damit die Sicherung der Arbeitsplätze in Ihren Werken mitfinanziert haben. Entgegen einer weitverbreiteten Sichtweise sind wir der Meinung, dass es nicht das hohe Lohnniveau, sondern solch mangelhafte Produkte sind, die den "Standort Deutschland" nachhaltig schädigen und Arbeitsplätze gefährden, bzw. bei ausbleibenden Folgeaufträgen zerstören. Das einstige Gütezeichen "made in germany" wird dabei durch mangelhafte Lizenzproduktionen wie den deutschen GTW 2/6 zusehends ad absurdum geführt.
Als Fahrgastverband und Interessenvertretung der durch Ihr unzureichendes Qualitätsmanagement geschädigten Fahrgäste bringen wir hiermit unseren Unmut zum Ausdruck. Unsere Geduld ist am Ende und das Maß der Dinge voll. Wir sind nicht länger bereit, taten- und widerspruchslos abzuwarten, bis der nächste GTW 2/6 ausfällt. Wie lange wollen Sie uns, und vor allem dem Betriebspersonal der Hessischen Landesbahn, noch die technischen und konzeptionellen Mängel dieses Fahrzeugs zumuten?
Wir halten den GTW 2/6 grundsätzlich für ein gelungenes, innovatives und fahrgastfreundliches Fahrzeugkonzept und bewerten den Entschluss des Rhein-Main-Verkehrsverbundes, diese Fahrzeuge auf Strecken unserer Region einzusetzen, sehr positiv. Als zahlende Kunden erwarten wir jedoch zuverlässig funktionierende Züge. Ferner wünschen wir uns und Ihrer Belegschaft, dass durch Folgebestellungen des GTW 2/6 weiterhin wichtige Arbeitsplätze in Ostdeutschland gesichert werden können. Um so wichtiger ist es, dass Sie technisch einwandfreie Fahrzeuge auf die Schiene stellen.
Wir fordern Sie daher auf, die anhaltenden technischen Mängel an den GTW 2/6 nunmehr endgültig abzustellen. Besetzen Sie wieder jeden HLB-Zug mit einem Techniker. Oder besser noch: Nehmen Sie Ihre mangelhaften Triebwagen zurück, analog einer Rückrufaktion in der Automobilbranche. Und stellen Sie währenddessen auf Ihre Kosten adäquate Ersatzfahrzeuge bereit. Ferner bestehen wir darauf, dass sowohl die Hessische Landesbahn, als auch die betroffenen Fahrgäste von Ihnen in angemessener Weise für die Folgen der anhaltenden Pannenserie entschädigt werden, wie dies auch immer praktisch aussehen mag. Wir sind gerne bereit, hierzu konstruktive Vorschläge zu machen.
Mit freundlichen Grüßen
Fahrgastverband Pro Bahn & Bus Mittelhessen e.V.
Nachrichtlich:
Bombardier Transportation - Deutsche Waggonbau GmbH, Herrn Geschäftsführer Peter Witt, Kablower Weg 89, 12526 Berlin
Kopien zur Kenntnisnahme an:
Stadler Fahrzeuge AG, CH-9565 Bussnang / Thurgau
Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung, Herrn Staatssekretär Dr. Herbert Hirschler, Kaiser-Friedrich-Ring 75, 65185 Wiesbaden
Hessische Landesbahn GmbH, Herrn Geschäftsführer Dipl.-Ing. Peter Berking, Karlstraße 16, 60329 Frankfurt am Main
Rhein-Main-Verkehrsverbund GmbH, Herrn Geschäftsführer Dipl.-Ing. Volker Sparmann, Postfach 1427, 65704 Hofheim / Ts
Herrn Rolf Gnadl, Landrat des Wetteraukreises, Europaplatz, 61169 Friedberg / Hessen
ADtranz Deutschland GmbH, Werk Kassel, Betriebsrat, Holländische Straße 195, 34127 Kassel
ADtranz Deutschland GmbH, Werk Hennigsdorf, Betriebsrat, Am Rathenaupark, 16761 Hennigsdorf
Bombardier Transportation - DWA GmbH - Werk Bautzen, Betriebsrat, Fabrikstraße 41, 02625 Bautzen
|
|
|
|
|