18. Oktober 1998 - Mittelhessen

Pro Bahn & Bus gegen BW-Schließung

(Gießen) Nicht nur bei den betroffenen Mitarbeitern, sondern auch beim Fahrgastverband Pro Bahn & Bus stößt die von der Deutschen Bahn AG angekündigte Schließung des Betriebswerkes Gießen auf Unverständnis und Kritik. Auf einer Arbeitstagung von Pro Bahn & Bus wurden dieser Tage die geplante Schließung sowie mögliche Folgen auf den Betriebsablauf erläutert und diskutiert.

Besonders im Personennahverkehr befürchtet der Fahrgastverband, daß es vermehrt zu Verspätungen und Zugausfällen kommen wird, da selbst einfache Störungen an den betagten und technisch anspruchsvollen Dieselmaschinen nicht mehr schnell vor Ort behoben werden können. Besonders im Winter sind solche Störungen durchaus normal und können zur Zeit oft problemlos in Stillstandszeiten zwischen Zugfahrten behoben werden. Auch viele turnusgemäße Wartungen werden in solchen Pausen ausgeführt.
Dies wird nicht mehr möglich sein, wenn die Loks dann wie geplant erst nach Frankfurt oder Darmstadt gefahren werden müssen, gar im Schadensfalle im Schlepp einer zweiten Lok.

Der Vorsitzende von Pro Bahn & Bus Mittelhessen, Joachim Elbing, bedauert weniger den erhöhten Aufwand für die Wartungsfahrten. Dies sei Sache des Verkehrsunternehmens, wie es jedem Privatmann unbenommen sei, sein Auto in Darmstadt in die Werkstatt zu bringen. Bedeutsam für die Allgemeinheit sei es jedoch, wenn darunter der Betrieb leide, Züge ausfallen müßten oder Verspätungen aufträten. Ärgerlich sei auch, daß vermehrt knappe Pahrplantrassen durch unnötige Werkstattfahrten blockiert würden. Für ein umweltfreundliches Verkehrsmittel, wie es die Eisenbahn systembedingt sei, dürfe es auch nicht vertretbar sein, Dieselloks, die bis zu 300 Liter Diesel pro 100 km verbrauchen, auf sinnlose Werkstatt- und Tankfahrten durch ein halbes Bundesland zu schicken. Bereits heute kommen Dieselloks aus Treysa und Marburg nach Giessen zur Wartung und zum Tanken, nachdem die dortigen Betriebswerke geschlossen wurden.

In der Gießener Bahnwerkstatt werden etwa 80 Diesellokomotiven gewartet und repariert, die in erster Linie vor Personenzügen auf mittelhessischen Zweigstrecken, aber teilweise auch im Güterverkehr im Einsatz sind.

In den vergangenen Jahren war das Bahnbetriebswerk bereits mehrmals verkleinert worden, die Wartung von Reisezugwagen und den modernen Triebwagen wurde u.a. nach Limburg verlagert.
Die Werke wurden nach der Bahnreform zwischen den verschiedenen DB-Geschäftsbereichen aufgeteilt. Da in Giessen überwiegend Güterzugloks beheimatet sind, kam das Betriebswerk zu DB Cargo Kassel, dem Geschäftsbereich für den Güterverkehr. Dieser hat naturgemäß an der Gießener Werkstatt nur wenig Interesse, da die Loks zu 70-80% im Personennahverkehr eingesetzt sind und damit Züge des DB-Geschäftsbereichs Nahverkehr ziehen. Vom Güterverkehr hat sich die DB auf den mittelhessischen Zweigstrecken leider seit einigen Jahren weitgehend verabschiedet.

Bereits der Blick auf die Streckennetzkarte zeigt die Zentrumsfunktion Giessens im DB-Streckennetz. Die Gießener Lokwerkstatt ist zudem modern ausgerüstet und auch zum Tausch und Einbau von Großbauteilen wie Motoren und Getrieben ausgerüstet. In den letzten Jahren wurden seitens der DB nochmal etwa 8 Millioenen Mark in die Werkstatt investiert, um die Arbeitsabläufe zu optimieren. In den nächsten Monaten muß noch, um gesetzliche Auflagen zu erfüllen, die Ölwechselanlage modernisiert werden. Wenn wirklich wie geplant Ende nächsten Jahres die Lichter im Betriebswerk für immer ausgehen, sind diese Investitionen verloren, ebenso die etwa 85 qualifizierten meist handwerklichen Arbeitsplätze.
Die Mitarbeiter mit einem Altersdurchschnitt von 47 Jahren, die keine Beamten sind, dürften nach Einschätzung von Pro Bahn & Bus noch die Haupt-Leidtragenden der DB-internen Sandkastenspiele sein.