15. Oktober 1998 - Mittelhessen

Nahverkehrs-Laden Lollar schließt zum Jahresende

(Lollar) Mancher Bürger der Stadt Lollar wird im nächsten Jahr eine liebgewonnene Service-Einrichtung vermissen. Der Nahverkehrsladen im Bahnhof Lollar auf Gleis 11, betrieben von Pro Bahn & Bus Mittelhessen, wird zum Jahresende geschlossen. Besonders ältere Leute, aber auch viele Berufstätige schätzten in den vergangenen Jahren die Möglichkeit, sich Samstag nachmittags in aller Ruhe und angenehmer Atmosphäre beraten zu lassen. Im Nahverkehrsladen wurde das komplette Fahrkarten-Programm der DB angeboten. Zahlreiche Stammkunden kamen regelmäßig, um sich von den freundlichen Mitarbeitern unter der Leitung von Petra Becker ausführlich zu informieren.

Zahllose Reiseverbindungen wurden am Lollarer Computer ermittelt und zum Mitnehmen ausgedruckt, oft gleich die Fahrscheine ausgestellt und die benötigten Plätze reserviert. Von der Schülergruppe mit 70 Teilnehmern nach Berlin bis zur Familienurlaubsreise nach Schweden reichte die bunte Palette der Kundenwünsche, die fast immer erfüllt werden konnten, dies alles ohne Schlangestehen und Schalterfensterchen, dafür oft bei einer Tasse Kaffee oder Tee.

Der Nahverkehrsladen entstand vor 5 Jahren als Pilotprojekt der DB-Zentrale, die damit testete, inwieweit es möglich sein könnte, den Verkauf von Fahrscheinen und Kundenberatung von Dritten durchführen zu lassen. Dadurch wäre eine Aufrechterhaltung von Verkaufsstellen auch in kleineren Orten möglich.

Die Wahl für den Standort des Pilotprojektes fiel auf Lollar, da sich die Aktiven vom Pro Bahn & Bus - Regionalbüro bereit erklärten, die personelle Betreuung des Projektes zu übernehmen und der Fahrkartenschalter am Bahnhof seitens der DB geschlossen worden war.

Pro Bahn & Bus verkaufte nicht nur Fahrkarten, sondern betreuten auch das Gebäude. So wurde seinerzeit in Eigenleistung die Schalterhalle renoviert und die Prospektauslage gepflegt. Die Schilder und Wegweiser am Bahnhof wurden aufgearbeitet und die Bewirtschaftung der P+R-Anlage wieder eingeführt. Es wurden darüberhinaus zusätzliche Parkplätze geschaffen und dafür gesorgt, daß diese auch den Bahnkunden zur Verfügung stehen.

Zu den Gründen, die zur Schließung des gut besuchten Ladens führen, erläutert Joachim Elbing, Vorsitzender des Pro Bahn & Bus - Regionalverbandes Mittelhessen, daß sowohl personelle als auch finanzielle Gründe zu der Entscheidung des Vorstandes geführt haben. Die DB Niederlassung Personenbahnhöfe als Hausherr habe in den vergangenen Jahren die Miete für den Laden vervierfacht, demgegenüber seien die Umsätze seit dem Start des Verkehrsverbundes durch den Wegfall der Nahverkehrsfahrkarten gesunken. überdies seien die Nebenkosten der Liegenschaft für Pro Bahn & Bus enorm gestiegen, da mittlerweile alle anderen Mieter einschließlich des Bahnhofswirtes ausgezogen seien und der Rest des großen Bahnhofsgebäudes leerstehe.

Bereits seit zwei Jahren übersteigen so die Kosten für den Raum deutlich die recht niedrigen Provisionen aus dem Fahrkartenverkauf. Man müsse verstehen, daß vor diesem Hintergrund die ehrenamtlichen Mitarbeiter keine große Lust mehr hätten, in ihrer Freizeit in Lollar Fahrkarten zu verkaufen und gleich noch was für die Miete zu spenden, so Elbing weiter.
In Bickenbach im Odenwald gibt es einen weiteren Nahverkehrsladen, für den Lollar das Vorbild war. Dort wird die Miete allerdings von den Anliegergemeinden bezahlt und die Erlöse stehen wieder für Investitionen etwa in moderne Computer zur Verfügung.

In Lollar mußte Pro Bahn & Bus die komplette Vorleistung erbringen, von der Renovierung der Räume bis zur EDV-Ausrüstung wurde der gesamte Laden durch den Fahrgastverband finanziert. Seitens der Stadt Lollar gab es nach Aussage des Vorsitzenden nie das geringste Interesse, geschweige denn Unterstützung in irgendeiner Form. Das Team von Pro Bahn & Bus und die Leiterin des Ladens Petra Becker ist dennoch mit dem Erreichten zufrieden. "Die Arbeit im Laden und der Kontakt zu den Kunden hat sehr viel Spaß gemacht. Wir haben sehr viel für unsere Arbeit gelernt und viel Sympathie bei den Lollarer Bürgern erfahren", resümiert Frau Becker. "Wir haben gezeigt, daß es geht, und andere können in anderen Orten auf unsere Arbeit aufbauen". Dies allein war schließlich der Sinn des Pilotprojektes.

Wer sich bei Petra Becker und Ihrem freundlichen Team noch schnell eine Fahrkarte oder eine neue BahnCard kaufen möchte, hat dazu noch bis zum Jahresende Gelegenheit: immer samstags (außer 24.10.) von 14 bis 16 Uhr, Bahnhof Lollar, Bahnsteig 11.
Wer nur mal reinschauen oder in Prospekten stöbern möchte, ist ebenfalls herzlich willkommen.