22. November 2002 - Mittelhessen

Fahrplanwechsel: Einschneidende Änderungen auf der Lahn-Kinzig-Bahn
Pro Bahn & Bus: "Am Rand des verkehrspolitischen Bankrotts"


(Region) Auf der Lahn-Kinzig-Bahn Gießen - Nidda - Gelnhausen wird es zum Fahrplanwechsel am 15. Dezember 2002 einschneidende Änderungen geben. Im Rahmen einer Umstrukturierung des Angebotes durch den Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) erfolgt die Streichung mehrerer Züge. Die dadurch freigesetzten Zug-Kilometer werden auf den Wochenendverkehr transferiert, so dass die Strecke nun samstags im Abschnitt Gießen - Nidda, statt wie bisher nur bis Hungen, befahren wird.

Für die gestrichenen Züge werden Busse eingesetzt, die jedoch erheblich länger unterwegs sind und teilweise ein zusätzliches Umsteigen erfordern. Das neue Angebot am Wochenende beschränkt sich auf 5 Fahrtenpaare an Samstagen und den Zeitraum von 7.00 bis 16.00 Uhr. Der RMV setzt damit einem Beschluss seines Aufsichtsrates vom November 2001 um. Der Fahrgastverband Pro Bahn & Bus protestiert gegen die Zugstreichungen und bezeichnet die Neukonzeption in einer Stellungnahme als "hanebüchenen Unsinn".

Im Einzelnen enthält der neue Fahrplan folgende Änderungen:

In Fahrtrichtung Gelnhausen werden montags bis freitags die Frühzüge um 4.44 Uhr ab Glauburg-Stockheim sowie 4.45 Uhr ab Nidda nach Gelnhausen gestrichen. Sie werden durch Busse mit Abfahrt um 4.19 und 4.33 Uhr in Nidda ersetzt. Dies hat zur Folge, dass sich für Pendler die Fahrzeit von Büdingen nach beispielsweise Hanau um 8-9 Minuten verlängert.

Der Schülerzug um 6.30 Uhr von Hungen über Büdingen nach Gelnhausen verkehrt künftig erst ab Nidda (Abfahrt 6.45 Uhr), mit einem planmäßigen Aufenthalt von 18 Minuten im Bahnhof Glauburg-Stockheim. Zwischen Hungen und Nidda wird ein Ersatzbus eingesetzt (Hungen ab 6.11 Uhr), der für die Strecke 13 Minuten länger braucht, als der Zug. Der Zuglauf der Regionalbahn 16.49 Uhr ab Gießen wird verkürzt. Sie endet statt um 17.45 Uhr in Glauburg-Stockheim künftig bereits um 17.34 Uhr in Nidda.

Die Abfahrtszeiten der Züge um 17.21 und 18.20 Uhr ab Gießen werden dem Taktschema angepasst, in dem sie nun bereits um 17.13 und 18.13 Uhr abfahren. Die Regionalbahn um 19.13 Uhr von Gießen nach Stockheim (Ankunft bisher 20.12 Uhr) endet ab Fahrplanwechsel bereits um 19.54 Uhr in Nidda. Es verkehrt um 20.00 Uhr ein Ersatzbus nach Stockheim, Ankunft 20.23 Uhr. Gestrichen werden die Spätfahrten von Gießen nach Hungen, Abfahrt montags bis samstags 21.10, freitags und samstags 23.10 Uhr. Wochentags verkehrt künftig ein Bus um 21.10 Uhr von Gießen nach Nidda. Dieser benötigt für die Gesamtstrecke 1 Stunde und 18 Minuten. Genau so lange ist der samstags und sonntags um 23.15 Uhr von Gießen nach Nidda verkehrende Bus unterwegs.

Neu strukturiert wird der Wochenendverkehr, der nun samstags von Gießen bis nach Nidda fährt. Die Züge starten in Gießen zweistündlich von 8.13 bis16.13 Uhr, Ankunft in Nidda jeweils zur Minute 54. Nach 16.13 Uhr ruht dann der Zugverkehr, die Zugfahrten von Gießen über Lich nach Hungen um 18.10, 21.10 und 23.10 Uhr werden gestrichen. Es verkehren Ersatzbusse von Gießen nach Nidda um 19.10, 21.15 und 23.15 Uhr mit der bereits genannten Fahrzeit. Sonntags verkehren wie bisher ausschließlich Busse.

In der Gegenrichtung nach Gießen werden wochentags ebenfalls Zugläufe verkürzt und Züge gestrichen. Der erste morgendliche Zug von Glauburg-Stockheim nach Gießen mit Abfahrt um 5.29 Uhr startet künftig erst um 5.42 Uhr in Nidda. Er wird zwischen Glauburg-Stockheim und Nidda durch einen Bus ersetzt, der um 5.13 Uhr abfährt und 24 Minuten bis nach Nidda benötigt. Ein Frühzug von Nidda nach Gießen mit Abfahrt gegen 5.15 Uhr fehlt dagegen weiterhin. Der Zuglauf der ersten morgendlichen Regionalbahn um 5.19 Uhr von Gelnhausen nach Gießen beginnt künftig erst um 6.12 Uhr in Nidda. Ein Ersatzbus startet um 5.03 Uhr in Gelnhausen und erreicht den Bahnhof Nidda planmäßig um 6.07 Uhr.

Ersatzlos gestrichen wird die abendliche Regionalbahn von Glauburg-Stockheim nach Nidda, Abfahrt um 19.33, Ankunft um 19.45 Uhr. Im neuen Fahrplan ebenfalls nicht mehr vorgesehen sind die Spätfahrten von Hungen über Lich nach Gießen, Abfahrt freitags und samstags um 22.40 Uhr.

Samstags verkehren die Züge neu im Zweistundentakt zwischen 7.03 und 15.03 Uhr von Nidda nach Gießen, Ankunft dort jeweils zur Minute 46. Nach 15.03 Uhr fährt kein Zug mehr Richtung Gießen, die Zugfahrten von Hungen über Lich nach Gießen mit Abfahrt um 17.21, 19.21 und 22.40 Uhr werden gestrichen. Ein Bus verkehrt erst wieder um 20.29 Uhr von Nidda nach Gießen, Fahrzeit 1 Stunde und 20 Minuten.

Wertung von Pro Bahn & Bus

"Aus Fahrgastsicht stellen die Änderungen einen 'hanebüchenen Unsinn' dar", kritisiert die Vorsitzende von Pro Bahn & Bus e.V., Petra Becker. Denn insgesamt sind die Fahrplanneuerungen ein "Nullsummenspiel: Die Verlängerung des Samstagsverkehrs nach Nidda wird durch Streichungen in anderen Zeitlagen und Streckenabschnitten erkauft. Und die ersatzweise eingesetzten Busse sind erheblich länger unterwegs als die Züge.

"Was uns als Verbesserung verkauft wird, ist in Wahrheit eine Umverteilung, zusätzliche Verbindungen sucht man vergebens", sagt Becker. Leidtragende der Zugstreichungen sieht der Fahrgastverband vor allem in Pendlern aus dem Wetterauer Ostkreis, speziell der Stadt Büdingen, für die wichtige Verbindungen zu Ihren Arbeitsplätzen ins Rhein-Gebiet entfallen bzw. die Fahrzeit erheblich verlängert wird. Ebenfalls betroffen dürften Berufsschüler aus den Niddaer Ortsteilen Ober-Widdersheim und Borsdorf sein, die ihre morgendliche Zugverbindung nach Büdingen verlieren und auf den langsameren Bus umsteigen müssen. Auch die Kappung von Verbindungen zum Schul- und Universitätsstandort Gießen stellt aus Sicht von Pro Bahn & Bus eine Schwächung der Region dar.

Einziger Profiteur des neuen Wochenendangebots ist die Großgemeinde Nidda. "Für deren verbesserte Anbindung zahlen die Fahrgäste aus Pohlheim, Lich, Hungen, Ranstadt, Ortenberg, Glauburg, Büdingen und Gründau den Preis in Form von gestrichenen Verbindungen", so Becker. "Wer als Verkehrsverbund so agiert, steht am Rand des verkehrspolitischen Bankrotts."