13. November 2002 - Mittelhessen

Fahrplanwechsel auf der Horlofftalbahn:
"Generalangriff auf alle Fahrgäste zwischen Hungen und Beienheim"

-Vollbesetzte Züge zwischen Hungen und Beienheim sollen nicht mehr fahren-


(Wetteraukreis/Landkreis Gießen) Dunkle Wolken ziehen sich mit dem Näherrücken des Fahrplanwechsels am 15. Dezember 2002 für die Fahrgäste der Horlofftalbahn Hungen - Friedberg am Horizont zusammen. Dann nämlich wird der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) auf dem Streckendreieck Hungen / Nidda - Beienheim - Friedberg ein völlig neu konzipiertes Fahrplankonzept einführen. Grund dürfte die Umwandlung der InterRegio-Linie Hamburg - Kassel - Karlsruhe ( - Konstanz) in eine InterCity-Linie sein. Was auf den ersten Blick gefällig wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als existenzielle Katastrophe für die Teilstrecke Hungen - Beienheim - Friedberg. Die beiden bestbesetzten Züge der Strecke sollen nicht mehr fahren.

Der Beschluss des RMV-Aufsichtsrates vom November 2001, die Strecke im Abschnitt Wölfersheim - Södel - Hungen stillzulegen, wird zum Fahrplanwechsel noch nicht umgesetzt. Bis Berstadt-Wohnbach bleibt der Stundentakt erhalten. Obwohl beide Landkreise den jetzigen Verkehr mit 15,5 Zugpaaren für ein weiteres Fahrplanjahr bestellt haben, gilt der neue Fahrplan nur bis zum 4. April 2003. Bis dahin sollen durch ein neues Gutachten Möglichkeiten eines Weiterbetriebes als Bus- oder Bahnlinie "ergebnisoffen" geklärt sein.

Wichtigste Änderung im Fahrplan ist die Verschiebung des Taktrasters um eine halbe Stunde. Auf diese Weise wird in Friedberg Anschluss an die RegionalExpress (RE)-Linien Siegen / Marburg - Gießen - Frankfurt Hbf hergestellt. Neu ist ein Frühzug um 5.17 Uhr von Nidda nach Friedberg. Die Fahrzeiten der beiden RE-Züge von Nidda nach Frankfurt Hbf werden harmonisiert, so dass beide Züge nun zu exakt den selben Minuten verkehren. Als weitere Neuerung wird es ein drittes durchgehendes Zugpaar von Nidda nach Frankfurt Hbf geben: Morgendliche Abfahrt in Nidda um 7.47, abendliche Rückfahrt ab Frankfurt Hbf um 18.18 Uhr.

Während der Knotenbahnhof Nidda mit der Taktänderung eine entscheidende Aufwertung erfährt, gehören vor allem die Berufspendler durch die zusätzlichen Verbindungen zu den Gewinnern. Zu den Verlierern dürften die Schüler zählen. So wird die Regionalbahn mit Abfahrt um 6.54 Uhr von Echzell nach Friedberg künftig nicht mehr verkehren. Schüler, die Schulen in Nidda besuchen, hatten bisher nach Ende der 6. Stunde mit dem Zug um 13.33 Uhr eine Heimfahrtmöglichkeit. Im neuen Fahrplan verkehren die Züge um 13.00 und 14.00 Uhr ab Nidda.

Auf dem Streckenast Hungen - Beienheim - Friedberg gibt es statt Verbesserungen weitere Verschlechterungen, angesichts der Stilllegungsabsichten des RMV nicht besonders verwunderlich. Jedoch sind in diesem Fall nicht mehr nur die Fahrgäste des gefährdeten Abschnitts Hungen - Wölfersheim-Södel, sondern der gesamten Strecke bis Beienheim betroffen. Während zur Zeit noch zwei Zugpaare von Hungen nach Friedberg durchgebunden sind, ist dies künftig nur noch eins.

Umsteigen in Beienheim bleibt nicht nur der Regelfall, sondern wird weiter forciert. Die Streichungsmaßnahmen des RMV betreffen ausgerechnet die beiden am besten besetzten Züge der Strecke: Den morgendlichen Schülerzug ab Hungen um 6.53 Uhr mit ca. 270 Fahrgästen und den abendlichen Anschluss vom ersten RE Frankfurt Hbf - Nidda, Abfahrt 17.02 Uhr von Beienheim nach Hungen, mit ca. 80 Fahrgästen.

Morgens werden die Zugfahrten um 6.23 und 6.53 Uhr ab Hungen zu einem Zug zusammengefasst, der künftig um 6.33 Uhr abfährt und Friedberg bereits um 7.06 Uhr erreicht. Als Anschlussverbindung für Pendler nach Frankfurt gibt es dann nur den zuschlagpflichtigen InterCity um 7.11 Uhr ab Friedberg. Die nächste Fahrtmöglichkeit ab Hungen besteht erst wieder um 7.49 Uhr, Ankunft in Friedberg nach Umsteigen in Beienheim 8.26 Uhr. Betroffen von der morgendlichen Umstellung sind vor allem die zahlreichen Schüler.

Der als Anschlussverbindung von ersten RE aus Frankfurt am zweitstärksten genutzte Zug 17.02 Uhr ab Beienheim wird ersatzlos gestrichen. Als Ausweichmöglichkeit bietet sich lediglich der einzig verbliebene durchgehende Zug um 17.18 Uhr von Friedberg nach Hungen an. Beim Anschluss von zweiten RE aus Frankfurt verdreifacht sich die Umsteigezeit in Beienheim von 3 auf 9 Minuten.

Empört zeigt sich der Fahrgastverband Pro Bahn & Bus über die Fahrplan-Einschnitte. "Das ist nicht nur der Versuch des RMV, Fahrgäste auf dem zur Stillegung vorgesehenen Streckenabschnitt los zu werden, sondern ein Generalangriff auf alle Fahrgäste zwischen Hungen und Beienheim", sagt die Vorsitzende von Pro Bahn & Bus, Petra Becker. Etwa 1.100 Fahrgäste benutzen täglich die Züge zwischen Beienheim und Hungen.

"Wir rechnen damit, dass etwa zwei Drittel der von den Streichungsmaßnahmen betroffenen Fahrgäste abwandern werden, also ungefähr 230", so Becker. "Der Verlust von rund 20% der Gesamtfahrgäste wird der ganzen Strecke das Rückgrat brechen. Aber vielleicht ist genau das gewollt." Der Fahrgastverband fordert die sofortige Überarbeitung des Fahrplanentwurf und die Rücknahme der Streichungsmaßnahmen. Betroffenen Fahrgästen empfiehlt er, bei der Wetterauer Verkehrsgesellschaft, dem Verkehrsverbund Gießen und dem RMV zu protestieren.