30. Dezember 2001 - Mittelhessen

RMV vergleicht Äpfel mit Birnen

(Wetteraukreis/Landkreis Gießen) Eine "gezielte Desinformationskampagne in Sachen Horlofftalbahn" wirft der Fahrgastverband Pro Bahn & Bus dem Rhein-Main Verkehrsverbund (RMV) vor. Er bezieht sich dabei auf die Äußerungen von RMV-Pressesprecher Peter E. Vollmer gegenüber dem Hessischen Rundfunk sowie dem Gießener Anzeiger. Der RMV-Aufsichtsrat hatte am 20. November beschlossen, die Horlofftalbahn Hungen - Friedberg zum Dezember 2002 zwischen Hungen und Wölfersheim stillzulegen. Der Beschluss kann jedoch nur dann in Kraft treten, wenn die lokalen Entscheidungsgremien ihn bestätigen.

In der Radiosendung "Unterwegs in Hessen" am 04.12.2001 hatte Pressesprecher Vollmer behauptet, dass mit einer Busbedienung, die als Ersatz für die stillzulegende Strecke Hungen - Wölfersheim eingerichtet werden soll, alles viel besser werde. Bei einem Erörterungstermin am 18.12.2001 in Friedberg mussten die anwesenden RMV-Vertreter jedoch einräumen, dass ein Buskonzept noch gar nicht existiert. Es wurden lediglich grobe Vorstellungen genannt.
"Die Probleme hierbei stecken im Detail", so die Vorsitzende von Pro Bahn & Bus, Petra Becker. "Es ist eben nicht egal, welche Züge man streicht und wie genau der Busfahrplan ausgestaltet ist. Welche Anschlüsse werden gewährleistet? Wie lang ist die Fahrzeit zwischen zwei Orten? - Darauf gibt der Verbund bisher keine Antworten."

Der RMV wirbt überdies damit, dass man künftig statt eines Bahnhofs zwei Bushaltestellen im Ort einrichten kann. Das geht - kostet aber Fahrzeit und hier ist der Bus gegenüber dem Zug jetzt schon im Nachteil. Die Auswirkungen der beiden Haltestellen auf die Fahrzeit sieht man erst in einem Fahrplan, wobei eben auch die Nachteile der häufigeren Halte sichtbar werden. "Wer gute Argumente hat, kann sie auch detailliert darlegen", so Petra Becker.
"Pro Bahn & Bus fordert eine sachbezogene Auseinandersetzung mit nachprüfbaren Zahlen - und die Ehrlichkeit, die Fakten offen zu legen."

Auch die Argumentation mit dem zu niedrigen Kostendeckungsgrad der Horlofftalbahn verdient eine nähere Betrachtung. Der RMV finanziert gemeinsam mit den Landkreisen zusätzliche Zugleistungen zu einem Einheitspreis je Kilometer. Dabei ist es bedeutungslos, ob es sich hierbei um Leistungen eines Doppelstock-Zuges in Frankfurt oder eines Triebwagens auf einer Zweigstrecke handelt. Es ist offensichtlich, dass die tatsächlichen Kosten dieser Leistungen unterschiedlich sind.
"Im Sinne einer Gleichbehandlung des Netzes und zur Vereinfachung der Bestellungen hat man sich für dieses Verfahren entschieden"; erläutert Petra Becker. "Wer nun auf Basis dieser gemittelten "Kosten" zwecks Streckenstilllegung mit dem Kostendeckungsgrad argumentiert, verstößt gegen seine eigenen Bestellgrundlagen und vergleicht Äpfel mit Birnen."

Im Zusammenhang mit den vom RMV-Pressesprecher genannten "Geldquellen" spricht der Fahrgastverband von "Desinformation". Vollmer hatte als eine "Geldquelle" auch den RMV genannt. "Es handelt hierbei jedoch nicht um originäre Mittel des Verbundes, sondern um Bundesmittel, die von den Ländern zur Verfügung gestellt werden", sagt Petra Becker. "Die vom Verkehrsverbund vertretene These, es sei der >Solidargemeinschaft RMV< nicht länger zuzumuten, Geld in einen schlecht genutzten Schienenverkehr zu stecken, ist demnach erkennbar unsinnig."

Insgesamt spricht der Fahrgastverband von einer "vordemokratischen Auffassung einer öffentlichen Auseinandersetzung." Der RMV bestreitet diese nämlich zum großen Teil mit Behauptungen und wenig konkreten Aussagen. "Auch der König oder Fürst hatte es in früherer Zeit nicht nötig, seine Maßnahmen näher zu begründen. Sie wurden ohne Rücksicht auf die Interessen der Betroffenen durchgesetzt", so Petra Becker abschließend.