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28. Februar 2000 - Rhein-Main
Die Mottgers-Spange in Wächtersbach
Seit im Juni 1999 das erste Mal Presseberichte auftauchten, in denen die DB AG auf ihre Pläne für eine zweigleisige ICE-Neubaustrecke vom mittleren Kinzigtal durch den Nordspessart bis nach Sinntal hinwies, sind viele Monate vergangen. Im Spessart hat sich Bevölkerung und Politik so gut wie möglich informiert - und letztlich auch als "Initiative Pro Spessart e.V." formiert. Angesichts der dort drohenden erheblichen Eingriffe in naturnahe Landschaften ist dies gut nachvollziehbar.
Merkwürdig ruhig hingegen ist es im Kinzigtal selbst geblieben - zwar nicht nachts, wenn die Güterzüge im Blockabstand das Tal durcheilen, wohl aber in der Bürgerschaft sowie "im politischen Raum". Die Menschen scheinen mit dem Begriff der Spessart-Trasse die Vorstellung zu verknüpfen, als ergäbe sich durch das Bauprojekt ein Entlastungseffekt. Dieses Gefühl trügt.
Zur Realisierung der von der DB AG aus ökonomischen Gründen eindeutig präferierten Mottgers-Spange stehen nur zwei grundsätzliche Trassierungsmöglichkeiten zur Verfügung:
...eine Südtrasse, die bereits östlich von Gelnhausen abzweigt, den Biebergrund zwischen Kassel und Lanzingen kreuzt, südlich Bad Orb die Orbquelle und das Heilquellenschutzgebiet quert, den Jossgrund bei Mernes überspannt und sich dann in die nördliche Abfahrtskurve nach Mottgers sowie die Südkurve nach Burgsinn teilt, sowie
...eine Nordtrasse, die südwestlich von Neu-Wirtheim von der Kinzigtalbahn abzweigt, im Aspenhainer Kopf die Richtung wechselt, unmittelbar südlich des Wächtersbacher Neubaugebietes "Etweide" die Kinzigau quert, den Aufenauer Berg parallel zur Autobahn erklimmt und dann mittig zwischen Bad Orb und Bad Soden-Salmünster den Spessart durchschneidet, um im Jossgrund ebenfalls an das vorgenannte Verzweigungsbauwerk anzuschließen.
Wegen der geringeren Probleme mit Heilquellenschutzgebieten wird vermutlich die Nordvariante - die über Wächtersbach - am leichtesten durchzusetzen sein.
Die diesbezügliche Trassierung aus Anfang der 90er Jahre würde vor Ort ungefähr so verlaufen wie im folgenden Bild dargerstellt.

Neubaugebiet Etzweide anmittelbar an der Trasse (Bild: Pro Bahn & Bus)
Was bedeuten diese Planungen nun für Wächtersbach?
1. Der heutige ICE-, IC- und IR-Verkehr würde künftig vollständig auf die Mottgers-Spange verlegt werden. Damit wird der Streckenabschnitt Wirtheim - Bad Soden-Salmünster - Fulda zwar von mehreren Zügen je Stunde und Richtung entlastet, verlagert würden jedoch ausschließlich Fahrten moderner ICEs, die beim Geschwindigkeitsniveau der Altstrecke (max. 160 km/h) als vergleichsweise leise gelten dürfen. Die noch recht lauten Lok-Wagen-Züge der jeweils 2-stündlich verkehrenden IC-Linie Saarbrücken - Dresden werden schon zum 28.05.2000 von den fabrikneuen Neigetechnik-Zügen (ICE-T) abgelöst, bei der verbleibenden 2-stündlichen IR-Linie Frankfurt - Stralsund ist diese Umstellung nur noch eine Frage der Zeit.
2. Am Neubaugebiet Etzweide - und damit wegen der Bebauungshanglage in großen Bereichen des Kernortsteils Wächtersbach - hingegen werden diese Fernzüge eben genau nicht "im Spessart verschwunden" sein. Vielmehr sind sie dann weiterhin präsent, und zwar gemäß der Trassierung von 1993 keine 80 Meter von der Bebauungsgrenze entfernt auf einer hohen, das Kinzigtal überspannenden Betonbrücke. Allerdings beträgt dann die Geschwindigkeit nicht mehr 160 km/h, vielmehr befinden sich die Züge dort mitten in der Beschleunigungsphase von 200 auf 230, 250 oder 300 km/h (je nach Fahrzeugbauart) bzw. umgekehrt in der Bremssphase.
3. Mit der Mottgers-Spange sollen die lt. DB-Aussage "2 bis 3" Fernzugfahrten je Stunde und Richtung im Korridor Köln - Frankurt - Würzburg - München künftig anstelle von Aschaffenburg nunmehr durch den Nordspessart geleitet werden, so dass Wächtersbach nicht nur den derzeitigen Schnellverkehr der Kinzigtalbahn, sondern auch noch den der Main-Spessart-Bahn zu verkraften hätte. Damit fänden vor der Haustür von Wächtersbach wirklich alle paar Minuten Schnellfahrten statt und würden einen früheren DB-Werbeslogan ("IC - Nur die Straßenbahn fährt öfter") glatt der Lüge strafen.
4. Auf der vom Fernverkehr befreiten Altstrecke der Kinzigtalbahn werden - gemäß der DB-Stretegie "Netz 21" - mit der Mottgers-Spange Fahrplantrassen frei, die zur Führung von zusätzlichen Güterzügen genutzt werden sollen. Dies ist aus verkehrspolitischer Sicht durchaus zu begrüßen, schließlich wird die LKW-Wand auf der rechten Autobahnspur - die Verlängerung der A66 nach Fulda Süd lässt grüßen - zunehmend zum Ärgernis. Problem dabei ist allerdings die Tatsache, dass an der Altstrecke ja gerade keine Baumaßnahmen durchgeführt werden sollen, um die Gesamtkosten möglichst gering zu halten. Damit jedoch entfällt natürlich automatisch die Verpflichtung der inzwischen privatisierten und zum Börsengang ansetzenden DB AG, trotz vermehrtem Güterzuglärm an der Altstrecke Schallschutz zu betreiben.
Fazit: Statt der erträumten Entlastung wird es für Wächtersbach im wahrsten Sinne des Wortes ein ziemlich böses Erwachen mit zusätzlichen Belastungen geben, wenn die Mottgers-Spange in dieser Form realisiert würde.
Dass im übrigen die Sanierung und Modernisierung des Bahnhofes Wächtersbach bei dem Gesamtprojekt Mottgers-Spange anstehen könnte, ist keineswegs gesichert. Schließlich gibt es dafür aus Sicht der DB AG keinerlei verkehrlichen Bedarf, der ursächlich mit "Netz 21" zusammenhängt. Vielmehr wird es so kommen, dass die DB AG sich den Umbau des Bahnhofes "stinknormal" aus den dafür vorgesehenen Fördertöpfen des Landes Hessen bezahlen lassen wird. Das jedoch hätte man schon seit Jahren haben können, schließlich betreibt der RMV das "STations-Entwicklungs-Programm (STEP)", sofern die betroffenen ÖPNV-Aufgabenträger (Main-Kinzig-Kreis) sowie die jeweiligen Kommunen sich daran finanziell beteiligen.
Was fordern wir als Fahrgastverband?
a) Die Schienenverkehrsentwicklung im Dreieck Frankfurt - Fulda - Würzburg ist eine zentrale Generationen-Entscheidung. Nur eine durchdachtes, über Grenzen hinweg abgestimmtes und konsensfähiges Konzept darf realisiert werden. Die hierfür unabdingbare Einbeziehung der Öffentlichkeit ist in Bayern schon viel weiter als in Hessen.
b) Damit jede betroffene Kommune die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten rational abwägen und anschließend eine Position formulieren kann, ist es zunächst notwendig, überhaupt alle möglichen Varianten für die zwei Zusatzgleise offenzulegen und vorbehaltlos zu diskutieren. Dies tut die DB AG nicht, stattdessen hat sie sich bereits auf die Mottgers-Spange festgelegt, ohne frühere Untersuchungsergebnisse zu Alternativtrassen zu veröffentlichen und gemäß den heute gewandelten technischen Rahmenbedingungen planerisch anzupassen, damit nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden.
c) Das Bahnneubauprojekt ist auf Jahrzehnte die letzte realistische Chance, die Lärmbilanz (von Straße und Schiene!) im mittleren und oberen Kinzigtal nennenswert zu verändern, d.h. zu verbessern. Die Mottgers-Spange soll ausschließlich dem schnellen Personenfernverkehr dienen und auf die aus betriebskonzeptionellen Gründen tagsüber für Güterzüge nicht nutzbare Schnellstrecke Würzburg - Fulda führen. Demgegenüber könnte eine Neubaustrecke entlang des Kinzigtalkorridors bis hinauf zum Distelrasen bei entsprechender Trassierung (geringe Längsneigung) nicht nur nachts, sondern z.T. auch tagsüber und in jedem Fall am Abend wie frühmorgens Güterverkehr aufnehmen, der aufgrund der Streckenführung in Tunneln abseits des Kinzigtals dann tatsächlich zu einer echten Entlastung für das relativ dichtbesiedelte Kinzigtal führt. Nebenbei bietet diese Lösung auch deutlich kürzere Fahrzeiten und geringeren Fahrenergieverbrauch als die umwegige Mottgers-Spange.
Für die Stadt Wächtersbach funktioniert das beliebte St.-Florians-Prinzip genauso wenig wie für die Nachbarkommune Bad Soden-Salmünster. Die neuen Gleise werden kommen. Allein das "wo" und "wie" im Rahmen eines betrieblichen Gesamtkonzeptes entscheidet letztlich über Belastung oder Entlastung, Leistungsfähigkeit oder neue Kapazitätsengpässen.
In dieser Situation gibt es nur zwei Wege. Entweder, man verschläft die Sachdiskussion und muss am Ende akzeptieren, was anderswo aus rein ökonomischer Sicht festgelegt wird. Oder man diskutiert offen alle Möglichkeiten, findet die vor Ort jeweils am wenigsten belastende Trasse und verbündet sich mit all jenen, die gleichgelagerte Interessen hegen.
Die Entscheidung über die Trassierung fällt noch in diesem Jahr - und es wird eine politische Entscheidung werden. Daher ist die Politik gefordert, aktiv zu werden.
Wir als Fahrgastverband werden unsere Kenntnisse und Konzepte in diese Diskussion gerne einbringen.
Glossar
(durchgängige) Viergleisigkeit
Benennung der Anzahl (durchgängig) vorhandener Streckengleise zwischen zwei Bahnhöfen. Hiermit wird keine Aussage darüber getroffen, ob die Gleise im gesamte Abschnitt nebeneinander liegen (wie bei einer Ausbaustrecke) oder ob zusätzlich gebaute Gleise in mehr oder weniger großer Entfernung von den vorhandenen liegen (Neubaustrecke).
Ausbaustrecke
Bau zusätzlicher Gleise unmittelbar neben bestehende Schienenstrecken.
Dregger-Trasse
Von ex-MdB Dr. Alfred Dregger 1993 in Bonn im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellte Trassenführungsvariante der im mittleren Kinzigtal zu bauende Zusatzgleise mit Führung nicht direkt nach Flieden - Fulda sondern umwegig nach Mottgers zum Anschluss an die bestehende Schnellfahrstrecke Würzburg - Fulda.
Integraler Taktfahrplan
Konsequente Umsetzung anschlussfreundlicher Taktfahrpläne mit Symmetrie zur Minute 00 (dann kreuzen sich stündlich alle Züge des Grundfahrplans). Garantiert zuverlässige Transportketten bei Zug und Bus bei optimaler raum-zeitlicher Erschließungswirkung. Stellt hohe Anforderungen an die Fahrplantreue und somit an die Leistungsfähigkeit von Strecken und Knotenbahnhöfen, damit kleinere Verspätungen schnell abgefangen werden können und sich nicht unnötiger Weise auf die Gegenrichtung oder gar andere Verkehre übertragen.
Kinzigtal-Korridor
Verkehrskorridor von mehreren Kilometern Breite zwischen den Knotenpunkten Hanau und Schlüchtern/Distelrasen.
Linienbetrieb
Je Richtung existiert zwar mindestens eine Fahrbahn für langsamere und eine für schnellere Züge, die Fahrbahnen derselben Richtung liegen jedoch nicht nebeneinander sondern sind durch mindestens eine Fahrbahn der Gegenrichtung getrennt, so dass ein Fahrbahnwechsel, z.B. beim Überholen oder beim Umfahren eines defekt abgestellten Fahrzeuges, nur möglich ist wenn kein Gegenverkehr herrscht. Gegensatz: Richtungsbetrieb.
Mottgers-Spange
Weiterentwicklung der Dregger-Trasse durch Hinzufügen einer Abfahrtskurve in Richtung Süden am östlichen Ende (Bereich Sinntal). Dadurch kann nicht nur der Schnellverkehr der Korridore Frankfurt - Fulda - Göttingen und Frankfurt - Fulda -Erfurt sondern zusätzlich auch der Korridor Köln - Frankfurt - Würzburg - München durch Kinzigtal und Nordspessart geführt werden, wobei Aschaffenburg seine stündlichen IC(E)-Systemhalte verlieren wird. Pro Bahn & Bus hatte auf diese Gefahr schon 1993 hingewiesen.
Netz 21
Konzernstrategie der DB zur Senkung von Kosten und Erhöhung der Leistungsfähigkeit. Populär geworden ist einer unter mehreren Ansätzen, welcher richtiger Weise die gleismäßige Entmischung langsamer und schneller Verkehre verfolgt, um auf hochbelasteten Abschnitte Zugzahl und Pünktlichkeit zu erhöhen. Die prinzipielle Strategie Netz 21 muss für jede einzelne Strecke im Netzzusammenhang gesehen und konkret ausformuliert werden. In der Öffentlichkeit entsteht gelegentlich der Eindruck, Netz 21 würde ganz bestimmte Trassen - z.B. die Mottgers-Spange - erfordern. Dies ist jedoch falsch. Auch alle bislang diskutierten Varianten im Kinzigtalkorridor erfüllen die Anforderungen von Netz 21, manche sogar weit besser als die Mottgers-Spange.
Neubaustrecke
Bau zusätzlicher Gleise abseits bestehender Schienenstrecken.
Niveaufrei
Verkehrsstromverzweigung, bei der sich konfliktträchtige Äste auf verschiedenen Höhen kreuzen, so dass der Verkehr auf jedem Ast kreuzungstechnisch unabhängig von dem der anderen Äste laufen kann. Alle Autobahnanschlussstellen sind niveaufrei.
Niveaugleich
Verkehrsstromverzweigung, bei der sich bestimmte Äste auf gleicher Höhe kreuzen, so dass immer nur ein Fahrzeug diese Stelle passieren kann und ein anderes (oder mehrere andere) bremsen und solange warten müssen, bis die Kreuzung geräumt ist. Diese Verzweigungsform bewirkt die Übertragung von Verspätungen einzelner Fahrten auf vorher unbeteiligte Verkehre und zwingt fahrplantechnisch zum Einbau größerer Fahrplanpuffer zum Abfangen der Verlustzeiten durch Bremsen und Warten. Autobahnen sind deshalb so leistungsfähig und sicher, weil es dort niemals niveaugleiche Kreuzungen gibt.
Richtungsbetrieb
Übertragung des Autobahn-Prinzips auf mehrgleisige Schienenwege: Je Richtung existiert mindestens eine Fahrbahn für langsamere und eine für schnellere Züge, die Fahrbahnen derselben Richtung liegen unmittelbar nebeneinander, so dass ein Fahrbahnwechsel, z.B. beim Überholen oder beim Umfahren eines defekt abgestellten Fahrzeuges, ohne Rücksicht auf den Gegenverkehr erfolgen kann. Gegensatz: Linienbetrieb.
Streckenausbau
Bezeichnet ohne nähere Unterscheidung in Neubaustrecke oder Ausbaustrecke oder Festlegung auf konkrete Trassen eher die allgemein-verkehrliche Notwendigkeit, einen Verkehrskorridor leistungsfähiger zu machen.
Schallschutz
Gesamtheit aller Maßnahmen an Strecke, Fahrzeugen oder Gebäuden, die im Bereich von Bauvorhaben zur Einhaltung der gesetztlich vorgeschriebenen Grenzwerte geeignet sind. Eine gesetztliche Verpflichtung für kurativen Lärmschutz an Altstrecken ohne Baumaßnahmen besteht nicht.
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