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21. Februar 2000 - Mittelhessen
Horlofftalbahn Friedberg - Hungen vor dem endgültigen Aus?
RMV-Gutachten thematisiert Teilstilllegung der über 100 Jahre alten Bahnstrecke
(Wetteraukreis/Landkreis Gießen) Droht der über 100 Jahre alten Horlofftalbahn von Friedberg über Beienheim nach Hungen das endgültige Aus? Die Aufsichtsräte der Verkehrsgesellschaften der beiden Anrainer-Landkreise Gießen (VVG) und Wetterau (WVG) entscheiden dieser Tage über das weitere Schicksal der Bahnlinie, dann sollen die beiden Kreistage darüber abstimmen. Zwei grundsätzliche Entscheidungsvarianten stehen zur Auswahl: Einmal Gesamtmodernisierung und Weiterbetrieb zusammen mit dem Streckenast Friedberg - Nidda oder Teilmodernisierung mit Kappung der Strecke in Wölfersheim. Ein Gutachten, das vom Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und den beiden Landkreisen in Auftrag gegeben wurde, legt die Stilllegung der Strecke im Abschnitt Wölfersheim - Hungen nahe. Entscheiden sich die Kreistage für diese Variante, könnte Ende Mai 2001 der letzte Personenzug zwischen Wölfersheim und Hungen unterwegs sein.
Der Fahrgastverband Pro Bahn & Bus befürchtet nun, dass aufgrund der Ausgangslage die Entscheidung zwangsläufig zugunsten der Stilllegungsvariante ausgeht und schlägt Alarm. Die im Gutachten empfohlene Teilstilllegung stellt nach Ansicht von Verbandssprecher Hans-Jörg Winter "einen Griff in die verkehrspolitische Mottenkiste" dar. "Ein Versuch, mit Rezepten aus den 50er und 60er Jahren die Probleme der Gegenwart zu lösen". Eine Stilllegung des Abschnittes Wölfersheim - Hungen würde zudem das seit über 100 Jahren bestehende oberhessische Eisenbahnnetz "mit einem Schlag verstümmeln".
Kritik übt der Verband insbesondere am bisherigen Agieren des RMV. "Seit Verbundstart im Jahr 1995 wurden bereits zwei hessische Bahnstrecken stillgelegt, die dritte steht offensichtlich kurz davor. So entwickelt man kein Verkehrsnetz. Wenn man jeweils die am schwächsten frequentierte Strecke einstellt, bleibt irgendwann nichts mehr übrig".
Bundesweite Erhebungen haben nach Auskunft des Fahrgastverbandes ergeben, dass bei Stilllegungen von Schienenstrecken zwischen 60 und 70% der noch vorhandenen Fahrgäste den Umstieg auf den PKW dem Umstieg auf den Bus vorziehen. Ungefähr 300 Ein- und Aussteiger sind derzeit noch täglich in den Zügen zwischen Hungen und Wölfersheim unterwegs, nach Ansicht der Gutachter werden von diesen gerade einmal 50 zum Auto abwandern. "Eine Prognose, die wir für unseriös halten", sagt Hans-Jörg Winter. Für die Pendler in den Raum Rhein-Main empfiehlt das Gutachten statt der Züge den Einsatz eines "Express-Busses", der mit täglich 3 Fahrtenpaaren von Hungen über Berstadt-Ortsrand den Bahnhof Echzell ansteuern soll. Allerdings existiert dafür noch nicht einmal ein Fahrplanentwurf. Aus diesem Grund sagt Pro Bahn & Bus dem Projekt "eine Totgeburt" voraus. "Man kauft damit die Katze im Sack. Der Bus hat weder die Geschwindigkeit noch die Zuverlässigkeit eines Zuges. Die Pendler werden lieber gleich mit dem Auto nach Dorheim fahren."
Besonders hart könnte die drohende Stilllegung die Gemeinden Hungen und Berstadt treffen. Hungen würde seinen direkten Bahnanschluss an den Wachstumsraum Rhein-Main verlieren. Außerdem gerieten die Arbeitsplätze der Frankfurt-Pendler in Gefahr, wenn ihnen künftig kein zuverlässiges öffentliches Verkehrsmittel zur Verfügung steht. In Berstadt ist im Umfeld des Bahnhofes in den letzten Jahren ein großes Gewerbegebiet neu entstanden, der Bau eines neuen Wohngebietes ist vorgesehen.
Statt einer "sinnlosen Zerschlagung einer in über 100 Jahren gewachsenen und bewährten Verkehrsinfrastruktur" favorisiert Pro Bahn & Bus stufenweise Teilinvestitionen. Hierfür hat der Fahrgastverband den Aufgabenträgern einen Stufenplan vorgeschlagen. So könnten, um den Umsteigezwang kurzfristig zu beseitigen, zunächst die Züge in Beienheim gekuppelt (vereinigt) und "geflügelt" (getrennt) werden. Dafür sind nach Ansicht der Gutachter 1,5 Mio DM an Investitionen notwendig.
Hintergrund:
Der schleichende Niedergang der Horlofftalbahn
Bereits im Jahr 1990 sollte die zuletzt nur noch schwach frequentierte Nebenbahn stillgelegt werden. Damals war die Deutsche Bundesbahn die treibende Kraft. Die Anrainerkreise und -kommunen liefen dagegen Sturm und gründeten eine kommunale Arbeitsgemeinschaft. Gutachten wurden in Auftrag gegeben und kamen zu dem Ergebnis, dass es volkswirtschaftlich sinnvoll ist, die Strecke zu erhalten und zu modernisieren. Statt die Empfehlungen der Gutachten nun zielstrebig voranzutreiben, beschränkten sich Land und Kreise darauf, den Kauf neuer Triebwagen durch die damalige Deutsche Bundesbahn zu bezuschussen und auf der Strecke einen Stundentakt, vertraglich beschränkt auf 4 Jahre, einzuführen. Die erhoffte Steigerung der Fahrgastzahlen blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück: Es wurde nicht in die Modernisierung der Bahnhöfe investiert und die Streckenhöchstgeschwindigkeit blieb auf 60 km/h beschränkt. Zudem muss bis heute stündlich im Bahnhof Beienheim umgestiegen werden und weiterführende Anschlüsse im Bahnhof Hungen werden nach wie vor um nur wenige Minuten verpasst.
Seit Ablauf des Vierjahresvertrages muss das bestehende Verkehrsangebot zwischen Hungen und Friedberg von den beiden Landkreisen mit jährlich mehreren 100.000 Mark finanziert werden. Die Hessische Landesbahn, die etwa 30% günstiger anbietet als die privatisierte Staatsbahn, befährt seit Mai 1999 die Gesamtstrecke. Das gleichartig strukturierte Angebot auf dem Streckenast Friedberg - Nidda kostet die kommunalen Gebietskörperschaften aufgrund der Regelungen des hessischen ÖPNV-Gesetzes dagegen nichts. Vor allem beim Verkehrsverbund Gießen (VVG) war man bisher der Ansicht, dass die vorhandenen Fahrgastzahlen, rund 900 tägliche Ein- und Aussteiger zwischen Hungen und Beienheim, einen Weiterbetrieb der Bahn nicht rechtfertigen.
Stattdessen favorisierte man den langsameren, wesentlich unkomfortableren, aber billigeren Bus. Aus diesem Grund wurde im Jahr 1998 ein Teil des auf Gießener Kreisgebiet entfallenden Zugangebotes "abbestellt", 5 Zugpaare beginnen und enden seit dem in Berstadt, das abendliche Spätzugpaar entfiel komplett.
Auch der RMV, der argumentiert, dass die Horlofftalbahn in seinem Verbundgebiet die rangletzte Strecke bezüglich der Fahrgastzahlen sei, scheint entschlossen, die Linie einzustellen. Aus diesem Grund wurde ein neues Gutachten in Auftrag gegeben. Dieses kommt zu dem Ergebnis, dass der Umsteigezwang in Beienheim das Haupthemmnis für eine bessere Nutzung des Zugangebots darstellt. Es spitzt die Alternativen auf zwei Möglichkeiten zu: Modernisierung der Teilstrecke Beienheim - Hungen für ca. 4 Mio. DM, der Teilstrecke Friedberg - Nidda für ca. 9 Mio. DM, Erhöhung der Streckenhöchstgeschwindigkeit auf 80 km/h und durchgehende Bedienung beider Streckenäste. Für den Hungener Streckenast wird dabei eine nahezu Verdopplung der Fahrgastzahlen prognostiziert. Die andere Variante favorisiert eine Stillegung zwischen Wölfersheim und Hungen, da die Strecke hier kaum Erschließungsfunktion hat und zudem die Investitionskosten (insgesamt ca. 9,5 Mio. DM) deutlich geringer ausfallen. Allerdings wird für diesen Fall auch eine deutlich geringere Steigerung der Fahrgastzahlen prognostiziert, da man durch die teilweise Umstellung auf Busbedienung Fahrgastverluste billigend in Kauf nimmt.
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